Der Kopfsalat hat schliesslich auch mehr Kopf als Herz.
Aber die Artischocken haben mehr Herz als viele Menschen.
1:1 Unentschieden.
7. Januar 2009
Herzvoll
Die Kastanie
Ich denke an zwei Kastanien, die von einer Brücke geworfen,vielleicht den Weg in ein entferntes Meer fanden. Manchmal gewinnen Kleinigkeiten erst an Bedeutung, wenn sie verflogen sind. Am Meer fanden wir sie nicht, die losgelassenen Kastanien, dafür Muscheln. Glänzend mit Perlmutt ausgekleidet oder mit getrocknetem Tang überzogen und ramponiert. Zerbrochene Schalen, unzählige. An den Strand gespült und an den Steinen zerschellt.
„Wir haben hier kein Meer, der Weg dorthin ist weit..“ Habe ich mal gesagt, damals, als die Sehnsucht nach salziger Luft und dem Wechsel der Gezeiten gross war.
Wir stiegen in das Auto und fuhren los, vertrieben Kilometer um Kilometer auf der Autobahn. Er hatte nicht zuviel versprochen, wir erreichten das Meer, gerade als die Sonne darin versank. Was für ihn himmlisch war, war in meinen Augen Kitsch. Wir lachten darüber.
Genau in dem Moment liebte ich ihn, einfach so. Weil Liebe passiert und sie meist in einer Dimension über die Menschen hereinbricht, die den Atem raubt. Das ist wie abtauchen in eine Badewanne und die Sekunden zählen bis der Brustkorb fast platzt.
Das Paradies ist in der Seele des Menschen und nicht ausserhalb, nirgendwo sonst. Wir teilten die gleichen Gedanken, ungesagt.
Die Dauer von Glücksgefühlen ist nicht messbar, sie lässt sich nicht in Zeit einteilen. Manchmal sind es Tage oder Monate, manchmal Stunden oder Sekunden.
Ob die Kastanien damals das Meer wirklich erreichten, spielt heute keine Rolle mehr. Vielleicht wurden sie früh an Land gespült und trieben zu Bäumen aus. Oder sie gingen unter, vollgesogen mit Wasser. Einzeln oder alle beide.
Wir erfuhren es nie. Weil die Liebe wie die Gezeiten am Meer ist, oder wie die Glücksmomente die einem den Atem einhauchen.
Irgendwann will man wieder selber atmen.
Geliebte Königin
Wenn die Königin ausfliegt und sich fliegend mit den Drohnen vermählt, ich glaube hier von einem ONS zu reden wäre übertrieben, knickt der P*enis der Drohne ab. Das sei, wurde mir versichert, an ruhigen Tagen durchaus hörbar. Während die Drohne danach dem Tod geweiht ist, oder hingerichtet wird vom Volk, lässt sich die Königin von den Arbeiterinnen den P*enis entfernen, der noch in ihr steckt.
Und verlustiert sich weiter mit einer anderen Drohne. Die nächste Bluthochzeit steht an.
Bin ich froh weiblich zu sein.
Fragt nicht wie ich zu diesen biologischen Fakten komme. Recherche. Ernsthafte Recherche zu einem Text.
Der Dieb
Hast du schon mal etwas gestohlen ?
Wir wohnten etwas abseits vom Dorf hatten aber einen kleinen Tante Emma Laden neben dem Haus. Ein kleines, mit allerlei Krimkrams voll gestopftes Geschäft , das eine dicke Frau führte, die tagein tagaus die gleiche, weisse und gestärkte, Schürze trug. Sie schien damals schon uralt zu sein, ihre Zahnprothese hielt nicht richtig und wenn sie lachte, klappte der obere Teil mit einem ‚klack’ nach unten . Ich fand das faszinierend.
Meistens musste ich dort Brot holen, oder Milch wenn diese ausgegangen war.
Machte ich gerne, war es doch wirklich nur eine Sache von ein paar Minuten, ausserdem gab die Alte den Kindern immer ein Bonbon mit auf den Weg.
Warum damals dieser Kaugummi unbezahlt in meine Tasche wanderte, weiss ich heute nicht mehr, erinnere mich aber noch sehr gut an die Bauchschmerzen , die ich plötzlich bekam vor Angst, dass ich erwischt werde. Und dass ich schwitzte, als ich zur Tür raus wollte.
Die alte Dame war flinker als ich erwartet hatte und sie hielt mich am Arm fest, als ich die Tür öffnen wollte. In Gedanken sah ich mich schon im Gefängnis, bis ans Ende meiner Tage; Ich hatte gestohlen und würde nun vor Gericht gestellt.
Sie sagte nichts, hielt mich weiter mit einer Hand fest und die andere schob sie mir offen vors Gesicht, ihre Augen waren dunkel und ich schluckte meine Tränen herunter. Ich legte zitternd den gestohlenen Kaugummi darauf und machte dass ich weg kam.
Der Weg nach Hause kam mir unendlich lange vor, ich rechnete mit dem schlimmsten: Die Polizei wird mich holen, ganz bestimmt. Den Mut, den Vorfall meiner Mutter zu erzählen, hatte ich nicht .
An diesem Tag passierte nichts, ausser dass ich mein persönliches Fegefeuer im Kopf hatte und litt.
Am nächsten Tag passierte auch nichts.
Am dritten dann musste ich Milch holen gehen. Meine Mutter bat mich darum.
„Mon cherie…Va acheter du lait. S’il te plaît. «
Oh nein, das wollte ich nicht , ganz und gar nicht. Überhaupt nicht. Niemals mehr würde ich zu der Dame gehen die mich so blossgestellt hat und mich beinahe ins Gefängnis brachte.
Meiner Mutter konnte ich das nicht erzählen und in mir tobte der Kampf der Giganten.
Was tun ? So tun als wäre ich über Nacht taubstumm geworden oder so als gehorchten mir meine Beine nicht ? Und das für den Rest meines Lebens, nur damit ich nie mehr in den Laden gehen muss ? Schien mir noch die bessere Alternative zu sein, als jemals wieder unterwürfig dieser Tante Emma in die Augen sehen zu müssen.
Ich ging wieder Milch und Brot holen, meine Mutter erfuhr von mir kein Wort über den Vorfall. Heute denke ich, dass sie es erfahren hat. Und die Strafe, die ich auf mich nahm, war hart: Ich lief ins Dorf um das Brot zu holen . Drei Kilometer hin und drei Kilometer zurück.
Wortlos. Jahrelang. Niemals mehr setzte ich einen Fuss in das kleine Geschäft, stur wie ich bin. Und nie hat sich mich gefragt, warum ich so lange brauche, um die Dinge zu besorgen.
Dieser Marsch hat mir nicht geschadet, dass der Dorfpolizist ab und zu meinen Weg kreuzte, war mein persönliches, kleines Inferno, das mich darauf aufmerksam machte, dass ich schon einen Fuss im Gefängnis hatte. Und für einmal heil davon gekommen war. Meine Verbrecherkarriere war beendet, bevor sie begann.